Psychosomatik und Psychotherapie

Hauptursache für Transplantatrejektionen ist die Non-Adhärenz, die im Verlauf der Behandlung weiter zunimmt. Die Adhärenz mit der immunsuppressiven Therapie ist gerade bei nierentrans-plantierten Patienten gering. In einer Metaanalyse wurde deutlich, dass pro Jahr 36% der Patienten nach Nierentransplantation als nicht-adhärent eingestuft werden müssen (Dew et al., 2007). Von den Patienten, die das Transplantat durch Abstoßung verloren haben, wurden sogar 47% als nicht-adhärent eingestuft (Sellares et al., 2012).

Viele Autoren weisen darauf hin, dass die Non-Adhärenz den häufigsten, prinzipiell vermeidbaren Grund für eine Transplantatabstoßung darstellt (z.B. Schäfer-Keller et al., 2008). Schon geringe Abweichungen der Medikamenteneinnahme erhöhen das Risiko einer Transplantatabstoßung signifikant. Daraus wird die Wichtigkeit einer routinemäßigen und strukturierten Adhärenz-Abklärung deutlich. Wir konnten zeigen, dass Ärzte in der Routineversorgung die Nicht-Adhärenz ihrer Patienten deutlich unterschätzen (Pabst et al., 2015).

Auf individueller Ebene wurde zudem wiederholt ein Zusammenhang zwischen höheren Depressionswerten und Nicht-Adhärenz gefunden. Beachtenswert ist, dass etwa 25% der Patienten nach Nierentransplantation klinisch relevante Depressionswerte zeigen (Chilcot et al., 2014; Gorevski et al., 2013). Psychosoziale Risikokonstellationen bei NTx-Patienten werden vielfach nicht entdeckt oder es erfolgt keine spezifische Reaktion.

Um diesen Problemen zu begegnen wird bei allen Patienten in regelmäßigen Abständen am Transplantationszentrum MHH ein psychosomatisch-psychosoziales Risiko-Assessment durchgeführt. Dazu verwenden wir standardisierte Instrumente im persönlichen Experten-Interview, die neben der Adhärenz mit der Medikation auch die psychische Komorbidität, Coping Strategien und Gesundheitsverhalten sowie das soziale Funktionsniveau der Patienten erfassen.

Abhängig von den Assessment-Ergebnissen wird den Patienten ein „Adhärenz-Coaching“ (bis zu max. 8 Einzeltermine p.a.) ohne Wartezeit angeboten, das primär über die telemedizinische Plattform und in Einzelfällen (Wohnort nahe NTx-Zentrum) auch persönlich durchgeführt wird.

Wenn im psychosomatisch-psychosozialen Assessment die Indikation für eine psychosomatische oder psychiatrische Akutbehandlung oder Rehabilitation festgestellt wird, erhalten die Patienten mit entsprechenden Risiken noch in der MHH eine Beratung im Hinblick auf weiterführende Behandlungs-und Beratungsangebote an ihrem Wohnort. Die Koordinationsstelle bzw. das Fallmanagement werden ein Netzwerk von geeigneten psychosozialen Versorgungspartnern für NTx-Patienten in Niedersachsen aufbauen. Die Patienten werden bei der Inanspruchnahme durch das Fallmanagement unterstützt.